Ervin Rozsnyai
Warum muß man es
beim rechten Namen nennen?
aus dem Kapitel
Klassenkämpfe in der Übergangsphase.
(...)
Der qualitative Unterschied zwischen den beiden Phasen des Übergangs verändert auch wesentlich den Charakter des Klassenkampfes. In der ersten Phase ist der Kampf gegen die Bourgeoisie als Klasse im Gange. In der zweiten Phase, nach der sich auf die gesamte Wirtschaft erstreckenden Übernahme der hauptsächlichen Produktionsmittel in Gemeinbesitz (öffentliches Eigentum) existiert die Bourgeoisie nicht weiter als Klasse, und die sozialistische Macht wird - außer von den gegen sie organisierten Aktionen - in erster Linie von den den Marktverhältnissen entspringenden frischen bourgeoisen Tendenzen bedroht. Das Proletariat, welches einesteils Inhaber der Macht, anderenteils Element der unteren Stufen der Arbeitsteilung ist, befindet sich in einem doppelten Interessenskonflikt: Durch die Logik des Marktes wird es von kurzfristigen Sonderinteressen angezogen, seine mit den sozialistischen Verhältnissen verbundenen Interessen wiederum fordern von ihm, daß es sich seinen eigenen privaten Sonderinteressen widersetzt und all den Schmutz von sich abschüttelt, der ihm in den Klassengesellschaften unvermeidlich anhaftet. Nicht nur gegen die heimischen und ausländischen Abteilungen der Bourgeoisie muß sich das Proletariat verteidigen, sondern auch gegen sich selbst, um den in seiner eigenen Bewußtseinswelt eingenisteten Feind, die Selbstsucht, die Disziplinlosigkeit, Interesselosigkeit am Öffentlichen, den rassistischen Haß und den Teufel übriger ideologischer Niedrigkeiten hinauszutreiben.
Beide Interessengruppen (der "Markt" ebenso wie die "Gemeinschaft") sind objektiv Ausdruck der materiellen Lebensverhältnisse - welche wird die Klasse sich zu eigen machen? Ihre wirklichen Interessen sind mit dem Sozialismus verbunden, die privaten Zwecke von Sonderinteressen nur scheinbar, weil sie für das Proletariat zu erneuter Unterjochung, zum Leiden und zum Untergang der Massen selbst ganzer Völker führen. Dennoch ist die Gruppe der Sonderinteressen vorübergehend die stärkere: Sie wird von den alltäglichen negativen Wirkungen des Wertgesetzes gespeist und - wie Lenin sagte - von den Gewohnheiten, "welche der verfluchte Kapitalismus dem Arbeiter und dem Bauern als Erbe hinterließ".(4)
Die Sonderinteressen wirken ohne Unterbrechung, solange das Wertgesetz wirksam ist, im Gegensatz dazu lodert die Wirkung der allgemeinen Gemeinschaftsinteressen bald hier auf, bald erlischt sie dort wieder, und wenn sie auch zur Geltung kommt, wird von ihr lange Zeit bloß das Handeln einer Minderheit bestimmt. Aber die wirtschaftliche Struktur der Übergangsphase bringt auf jeden Fall diese zweite Gruppe der Interessen zustande und reproduziert sie auch, wenigstens als ständige objektive Möglichkeit dafür, daß sich die für das Schicksal der Klasse nötige Verantwortung, die Reflexe der Tatbereitschaft, Opferbereitschaft und Selbstverteidigung herausbilden, welche zu einer organisierten Kraft werden und zur geeigneten Zeit zur geschichtsformenden revolutionären Kraft reifen können. Man muß betonen: Dies ist bloß die Möglichkeit, deren Bestehen notwendig ist. Weil die subjektive Interessensbewußtheit bei weitem nicht mit automatischer Genauigkeit den Inhalt und die Rangordnung der objektiven Interessen widerspiegelt, ist es das Spiel der zwei Möglichkeiten: entweder in der Klasse entstehen, anfangs in kleineren oder größeren Gruppen, die bewußt ideologischen Keime der Revolution - oder sie entstehen nicht; wenn nicht, umso schlimmer. Aber die Möglichkeit ist immer vorhanden, und sie ist immer objektiv.
Die Festigkeit der proletarischen Basis der Übergangsphase - wenn es Ihnen beliebt, "die Legitimation" der politischen Macht - hängt in erster Linie davon ab, in welchem Maße es gelingt, die hauptsächliche Anforderung zu verwirklichen, die wachsenden materiellen und kulturellen Bedürfnisse der Massen auf dem Wege der methodischen Erweiterung und Vervollkommnung der Produktion zu befriedigen. Die Anforderung jedoch, welche das Grundgesetz des Sozialismus ist, befindet sich in der Zeit des Übergangs in gewissem Sinne im Widerspruch mit den Mitteln ihrer Befriedigung, und dieser Widerspruch kann sich zeitweise zu einem heftigen Konflikt steigern. Bekannt ist beispielsweise, mit welchen außerordentlich politischen und wirtschaftlichen Spannungen die beschleunigte Entwicklung der Schwerindustrie in der Sowjetunion verbunden war, oder die Kollektivierung der Landwirtschaft. Dennoch konnte man auch nicht eines unterlassen, weil ihre Vernachlässigung die perspektivische Erfüllung des Grundgesetzes selbst vereitelt hätte. (Man hätte einfach die Revolution zu Fall gebracht.) Außerhalb dieser gesellschaftlichen Prüfungen gab es auch jene unvermeidlichen, sich wiederholenden kleineren oder größeren politischen Spannungen, welche Probleme der Akkumulation, der Erweiterung und Modernisierung der Erzeugung verursachten, ebenso wie die Überprüfung der Arbeitsnormen, die Einführung produktiverer Technologien usw. Die Konfliktquellen wirkten zum Teil zeitweise (wie Arbeitsnormregelungen oder andere Übergangserschütterungen), zum Teil ständig (wie die bourgeoise Elemente und Tendenzen reproduzierende Arbeitsteilung).
Bleiben wir jetzt beim Knotenpunkt der Konflikte, bei der die Widersprüche privater Abgesondertheit in sich selbst verdichtenden Konkurrenz. Wenn die sich bessernde Versorgung neue Ansprüche hervorruft, aber der materielle und kulturelle Stand der Erzeugung noch nicht ausreicht, den sozialistischen Verteilungsgrundsatz universell zur Geltung zu bringen, flammt die Rivalität um den Anteil an den Verbrauchsgütern auf. Nicht nur die Knappheit, sondern auch die wachsende Menge der Güter und Dienstleistungen kann die Konkurrenz anfachen. In dieser Rivalität sind die Inhaber der Schlüsselpositionen im Vorteil, die in der Arbeitsteilung die höheren Positionen besetzen. Umso größeren Vorteil die "Oberen" gegenüber den "Unteren" im fortgesetzten Kampf um die Verbrauchsgüter herausschlagen, umso eher verfestigen und verschärfen sich die sich aus den Positionsunterschieden ergebenden, aber bis zu einem gewissen Grade schon durch die Revolution geschürten Gegensätze: Die "Oberen" können für sich aus den Vorteilen der Arbeitsteilung gesellschaftliche Vorrechte (Privilegien) schmieden, die Arbeiter jedoch halten sich dafür auf ihre Weise mit der (Arbeits-)leistung zurück, oder sie bemühen sich, ihren Anteil mit Opposition, Ausübung von Druck und sonstigen Erscheinungen aufzustocken.
Durch die sich zurückstehlende Entfremdung kann eine besonders gefährliche Wendung dann eintreten, wenn die Überführung der Produktionsmittel - das Legen der Grundlagen - in Gemeineigentum schon geschehen ist und mit dem Versiegen der Reserven des extensiven Wachstums die wachsende Produktivität zur Hauptquelle der Akkumulation wird, zur wirtschaftlichen Grundbedingung der Weiterentwicklung. Nachdem man die Arbeitslosigkeit liquidiert hat, müßte die vom Kapital entwickelte brutal disziplinierende Kraft massenhaft von einer solchen freiwilligen Disziplin abgelöst werden, welche auf die Erkenntnis der direkten Interessiertheit an der sozialistischen Entwicklung baut. Auf andere Weise kann man das Problem der Produktivität auf sozialistischer Grundlage, so scheint es, nicht lösen. Zur erstrangigen wirtschaftlichen Frage wird, was für ein politisches und ideologisches Verhältnis die Arbeiter zu ihrem eigenen Staat haben: Verstehen sie ihn als ihren (eigenen) Staat, oder betrachten sie ihn als fremden, ihnen gegenüberstehenden Besitzer. Für das positive Verhältnis gibt es eine entscheidende Vorbedingung, ohne diese sind die Anforderungen des Grundgesetzes nicht erfüllbar. Die ohne Leistung genossenen Privilegien müssen mit bzw. durch Mobilisierung der Massen zurückgedrängt werden. Wenn dies unterbleibt oder nur auf dem Papier "funktioniert", dann wird sich die gegenseitige Entfremdung zwischen den "Oberen" und den "Unteren" gesetzmäßig verstärken, und die Errungenschaften der Aufbauarbeit demolieren sich selbst, beschleunigt durch die bourgeoisen, gebremst von der Entfaltung der sozialistischen Elemente. Sehen wir uns dies ein wenig aus der Nähe an.
In der Übergangsperiode, in welcher noch nicht die Fähigkeiten die Arbeitsleistung von innen regeln, sondern der Arbeitslohn oder andersgeartete äußere Gegenleistung, kann die Verteilung gemäß der Arbeit noch bei weitem nicht mit jener Natürlichkeit verwirklicht werden, wie sie es - voraussichtlich - unter den Verhältnissen des Sozialismus werden wird. Was sich im Sozialismus zur alltäglichen gewohnten Praxis, zur erfüllten lebendigen Arbeit und in Verbrauchsgütern vergegenständlichter, vergangener Arbeit zum direkten quantitativen Vergleich vereinfacht, das müssen in der Übergangsperiode der Markt und das Wertgesetz vermitteln. Die Staatsmacht des Übergangs verhält sich widersprüchlich zum Wertgesetz: Einerseits kann sie nicht auf seine positive, die Leistung anspornende Wirkung verzichten, andererseits kann sie die Wirtschaft nicht der anarchischen Wirkung des Marktes anvertrauen; und gestützt auf das Gemeineigentum an Produktionsmitteln bemüht sie sich, das Wertgesetz in dem Netz der bewußten Ziele der Planwirtschaft zu fangen.
Die Planwirtschaft und das Wertgesetz setzen sich gegenseitig Schranken, ein jedes will sich das andere unterordnen, es in seinen Dienst zwingen und mit der Zeit verdrängen. Die öffentliche demokratische Massenkontrolle über die Verteilung nach Leistung ist also nicht bloß ein Lohnkampf für die Veränderung der Verteilungsverhältnisse, sondern ein die Arbeitermacht verwirklichender politischer Kampf für die Herrschaft des sozialistischen Verteilungsprinzips; die Fortsetzung des Klassenkampfes von Proletariat und Bourgeoisie, wenn auch in radikal neuen Formen. Das direkte Ziel dieses Kampfes ist es, die positiven Wirkungen des Wertgesetzes zu verstärken, die ohne Unterbrechung sich reproduzierenden negativen Wirkungen in den Hintergrund zu drängen. Perspektivisches Ziel aber ist, daß die sozialistische Zusammenarbeit Schritt für Schritt die Konkurrenz, die Vorurteile, die künstlich geschürten Konflikte ablöst und das bewußter Begrenzung unterworfene Wertgesetz selbst seine stufenweise Verkümmerung befördert.
Die konkreten Methoden kann man natürlich nur "lebendig" ausprobieren, soviel jedoch erscheint klar zu sein, daß zur breiten Mobilisierung die - übrigens unverzichtbare - ideologische und PropagandaArbeit nicht genug ist. Die Massen müssen sie in ihrer praktischen Tätigkeit organisieren; von verhältnismäßig einfachen - zum Beispiel in der Wohngemeinschaft übernommenen - freiwilligen Aufgaben über gesellschaftliche Auftritte gegen rücksichtslose Behördenwillkür, bis zu komplizierten Kontrolloperationen. In diesem Kampf erkämpft sich die Klasse die Arbeitermacht und übt sie in ihrer alltäglichen Tätigkeit, ohne Vermittler, beiläufig, "persönlich" aus, überzeugt sie sich davon, daß sie wirklich die Macht besitzt und lernt mit ihr zu leben.
In solcher Bedeutung ist die proletarische Diktatur "nicht nur Gewalt gegenüber den Ausbeutern, ja nicht einmal hauptsächlich Gewalt"5 , sondern die Vollendung der geschichtlichen Formen der Demokratie, ihre umfänglichste, höchste Form, in welcher die beiden Gegensätze - die Diktatur und die Demokratie - unmittelbar Eins werden. Für das bourgeoise Denken ist dies natürlich Unsinn, es ist aber ganz einfach die Rede davon, daß nur die demokratische Massenbewegung des Proletariates die alten und aufs neue im Entstehen begriffenen bourgeoisen Tendenzen, die Urinstinkte des "der Mensch ist des Menschen Wolf" bremsen und durch die Verhältnisse der sozialistischen Zusammenarbeit oder Kooperation ablösen kann. Das erstrangige Ziel der Bewegung: die Demokratie gegenüber der die Massen ihrer eigenen Staatsmacht enfremdenden Bürokratie zur Geltung zu bringen, welche - nach der treffenden Formel von Kautsky - nichts anderes ist als "die Herrschaft der Massen über ihre Beauftragten".(6)
Fußnoten:
4 Vgl. Lenin: A nagy kezdemenyezes (Die große Initiative). LÖM, Bd. 39, Bp.1973, S. 5-6 (ung.).
5 Lenin: A nagy kezdemenyezes, zitierter Band, S. 13-14 (ung.).
6 Wie Lenin schrieb: "Das Proletariat, nachdem es die Macht erkämpfte, beendet den Klassenkampf nicht, sondern setzt ihn fort - natürlich unter anderen Verhältnissen, in anderer Form, mit anderen Mitteln - bis zum Ende der Existenz von Klassen", solange wie der Unterschied zwischen Stadt und Dorf, zwischen den körperliche und geistige Arbeit Ausübenden besteht. Dazu - das heißt zur Verwirklichung des Sozialismus - sind solche gesellschaftlichen Fähigkeiten nötig, welche sich nur historisch in der Praxis des Klassenkampfes herausbilden können. Vgl. ebenda S. 15-16 (ung.).
Ervin Rozsnyai :
Warum muß man es beim rechten Namen nennen?
mit den Kapiteln:
War es noch zu früh?
Die zwei Phasen des Übergangs
Klassenkämpfe in der Übergangsphase.
Die Neue Ökonomische Politik (NÖP) und
die proletarisch-demokratische Diktatur
Der Widerstand der sowjetischen Parteibürokratie
gegenüber der Demokratisierung in den 1930er Jahren
Verschärft er sich wirklich?
Die KPdSU in der Hand der Bourgeoisie
Über den demokratischen Zentralismus
Mit einem Wort: Warum muß man es beim Namen nennen?
erschienen im Heft
Streitbarer Materialismus Nr. 29
Verlag zur Förderung der wissenschaftlichen Weltanschauung
- Stefan Eggerdinger Verlag
München Juni 2009
Zur Frage der Arbeit im Kapitalismus
sowie im Sozialismus resp. Kommunismus
siehe auch: