übernommen aus

Bettelheim, Castro, Guevara, Mandel, Mora

Planung und Bewusstsein
Die Planungsdebatte in Cuba

Verlag Neue Kritik, Frankfurt a. M., 1969

La planificación socialista, su significado.

Zuerst in Cuba Socialista Nr. 34, Juni 1964
(dieser Text liegt der Übersetzung zugrunde),
jetzt auch in Obra revolucionaria, Mexiko-Stadt 1967
Die vorliegende Übersetzung wurde bereits veröffentlicht in Berliner Zeitschrift für Politologie Nr. 3/1968 (mit geringen Abweichungen im Einzelnen).
 
erschienen 2007 bei Ocean Sur: http://www.cheguevaralibros.com/2013/03/17/la-planificacion-socialista-su-significado/


Die sozialistische Planung

und ihre Bedeutung

In der Nr. 32 der Zeitschrift Cuba Socialista erschien ein Artikel des Genossen Charles Bettelheim unter dem Titel "Formen und Methoden der sozialistischen Planung und der Entwicklungsstand der Produktivkräfte".2 (Vgl. Bettelheim, et.al., Die Planungsdebatte in Cuba, Ffm 1969, S. 80).Dieser Artikel berührt Punkte, die zweifellos von Interesse sind, jedoch hat er darüber hinaus für uns insofern besondere Bedeutung, als er die sogenannte wirtschaftliche Rechnungsführung1 (im Original Cálculo Económico) und die innerhalb des sozialistischen Sektors dazugehörigen Begriffe, wie das Geld in seiner Funktion als Zahlungsmittel, den Kredit, die Ware usw. verteidigen soll.

Wir sind der Auffassung, dass dieser Artikel zwei fundamentale Irrtümer enthält, die wir im Folgenden zu präzisieren versuchen wollen:

Der erste Irrtum liegt in der Interpretation der Entsprechung, die notwendigerweise zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen bestehen soll. Zu diesem Punkt zieht Genosse Bettelheim Beispiele der Klassiker des Marxismus heran.

Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse sind zwei Mechanismen, die im Allgemeinen in jedem gesellschaftlichen Entwicklungsprozess unauflöslich miteinander verbunden sind. Wann tritt der Moment ein, in dem die Produktionsverhältnisse nicht mehr das getreue Spiegelbild der Produktivkräfte sein können? Er tritt dann ein, wenn eine neue Gesellschaft aufsteigt, die die alte überholt, um sie zu zerbrechen, und er tritt ein, wenn die alte Gesellschaft ausein-<145>anderbricht und die neue, deren Produktionsverhältnisse eingeführt werden, darum kämpft, sich zu konsolidieren und den alten Überbau zu zerstören. So betrachtet, zeigt sich bei konkreter Analyse eines gegebenen historischen Zeitpunktes, dass Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse nicht immer vollkommen miteinander übereinstimmen können. Dies ist gerade die These, die es Lenin erlaubte, zu sagen, dass die Oktoberrevolution eine sozialistische Revolution sei, dann jedoch, zu einem späteren Zeitpunkt, zu erklären, man solle den Weg zum Staatskapitalismus einschlagen, und zur Vorsicht in den Beziehungen zu den Bauern zu raten. Der Grund für Lenins Feststellung liegt gerade in seiner bedeutenden Entdeckung der Entwicklung des weltweiten Systems des Kapitalismus.

Betteiheim schreibt:

der entscheidende Hebel zur Veränderung des menschlichen Verhaltens (besteht) in den Veränderungen, die in der Produktion und ihrer Organisation vorgenommen worden sind. Die Aufgabe der Erziehung liegt im Wesentlichen darin, Haltungen und Verhaltensweisen, die aus der Vergangenheit ererbt sind und bis heute überleben, verschwinden zu lassen und das Erlernen neuer Verhaltensnormen, die von der Entwicklung der Produktivkräfte selbst auferlegt werden, zu sichern."4 (Vgl. Bettelheim, et.al., Die Planungsdebatte in Cuba, Ffm 1969, S. 82.)

Lenin schreibt:

"'Russland hat in der Entwicklung der Produktivkräfte noch nicht die Höhe erreicht, bei welcher der Sozialismus möglich wäre.' Mit diesem Leitsatz tun sich alle Helden der II. Internationale, und unter ihnen natürlich auch Suchanow, so wichtig, als wäre es der Stein der Weisen. Diesen unstrittigen Satz widerkäuen sie auf tausenderlei Weise, und es scheint ihnen, als sei er entscheidend für die Beurteilung unserer Revolution.

Wie aber, wenn die Eigentümlichkeit der Situation Russland erstens in den imperialistischen Weltkrieg hineinstellte, in den alle einigermaßen einflussreichen westeuropäischen Länder verwickelt waren, und zweitens seine Entwicklung an der Grenze der beginnenden und teilweise bereits begonnenen Revolution des Ostens in Verhältnisse versetzte, unter denen wir gerade jene Verbindung eines 'Bauernkrieges' mit der Arbeiterbewegung verwirklichen konnten, von der, als eine der möglichen Perspektiven, ein solcher Marxist wie Marx im Jahre 1856 in Bezug auf Preußen geschrieben hatte?

Wie aber, wenn die völlige Ausweglosigkeit der Lage, wo durch die Kräfte der Arbeiter und Bauern verzehnfacht wurden, uns die Möglichkeit eines anderen Übergangs eröffnete, um die grundlegenden Voraussetzungen der Zivilisation zu schaffen, als in allen übrigen westeuropäischen Staaten? Hat sich denn dadurch die allgemeine Linie der Weltgeschichte geändert? Hat sich denn dadurch das grundlegende Wechselverhältnis der Hauptklassen in jedem Staate geändert, der in den allgemeinen Gang der Weltgeschichte einbezogen wird und schon einbezogen worden ist?

Wenn zur Schaffung des Sozialismus ein bestimmtes Kulturniveau notwendig ist, (obwohl niemand sagen kann, wie dieses bestimmte 'Kulturniveau' aussieht, denn es ist in jedem westeuropäischen Staat verschieden), warum sollten wir also nicht damit anfangen, auf revolutionärem Wege die Voraussetzungen für dieses bestimmte Niveau zu erringen und dann schon, auf der Grundlage der Arbeiter- und Bauernmacht und der Sowjetordnung, vorwärtsschreiten und die anderen Völker einholen".5

W. I. Lenin, Über unsere Revolution, Ausgewählte Werke, Berlin 1962 u. ö., Bd. 3, S. 869.

Mit der Expansion des Kapitalismus als Weltsystem und der Entwicklung von Ausbeutungsverhältnissen, nicht nur unter den Individuen eines Volkes, sondern auch zwischen den Völkern, ist das Weltsystem des Kapitalismus, das zum Imperialismus geworden ist, Erschütterungen ausgesetzt und kann an seinem schwächsten Glied auseinanderbrechen. Dies war das zaristische Russland nach dem Ersten Weltkrieg und dem Beginn der Revolution, in der die fünf Wirtschaftsformen nebeneinander bestanden, die Lenin seinerzeit aufzählte: die primitivste Form der patriarchalischen Landwirtschaft, die kleine Warenproduktion (einschließlich der Mehrheit der Bauern, die ihren Weizen verkauften), der Privatkapitalismus, der Staatskapitalismus und der Sozialismus.

Lenin wies darauf hin, dass alle diese Formen in Russland in der Zeit unmittelbar nach der Revolution bestanden; von vorherrschender Bedeutung ist jedoch der sozialistische Charakter des Systems, obgleich die Entwicklung der Produktivkräfte in bestimmten Punkten noch nicht zur vollen Entfaltung gelangt ist. Offenbar muss bei sehr großer Rückständigkeit das richtige marxistische Vorgehen darin bestehen, so weit wie möglich den Geist der neuen Epoche, der die Abschaffung der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen anstrebt, mit den konkreten Bedingungen jenes Landes zu vermitteln; so handelte Lenin in dem eben <147> vom Zarismus befreiten Russland, diese Norm wurde in der Sowjetunion angewandt.

Wir behaupten, dass diese ganze Argumentation, die für jene Zeit absolute Gültigkeit besitzt und außerordentlichen Scharfsinn zeigt, in konkreten Situationen, in bestimmten historischen Augenblicken anwendbar ist. Nach jenen Ereignissen haben sich Dinge von solcher Tragweite ereignet wie die Errichtung des ganzen Weltsystems des Sozialismus mit etwa einer Milliarde Menschen, also einem Drittel der Weltbevölkerung. Der stetige Vormarsch des gesamten sozialistischen Systems beeinflusst das Bewusstsein der Menschen auf allen Ebenen, und daher stellte sich in Cuba an einem bestimmten Punkt seiner Geschichte die Definition der sozialistischen Revolution her; diese Definition ging keineswegs der Tatsache voraus, dass die ökonomischen Voraussetzungen für eine derartige Feststellung bereits gegeben waren.

Wie kann sich in einem vom Imperialismus kolonisierten Land, dem jegliche Ansätze einer Grundstoffindustrie fehlen, das mit seiner Monokultur von einem einzigen Markt abhängig ist, der Übergang zum Sozialismus vollziehen? Folgende Behauptungen können aufgestellt werden: man könnte, wie die Theoretiker der II. Internationale, erklären, Cuba habe sämtliche Gesetze der Dialektik, des historischen Materialismus und des Marxismus gebrochen und sei folglich kein sozialistisches Land, oder es müsse zu seinem früheren Zustand zurückkehren. Man kann realistischer sein und aufgrund dessen in den cubanischen Produktionsverhältnissen nach den inneren Triebkräften forschen, die zum Ausbruch dieser Revolution führten. Aber natürlich würde sich dabei erweisen, dass es in Amerika und anderen Teilen der Welt viele Länder gibt, in denen die Revolution weit eher durchführbar wäre, als dies in Cuba der Fall war.

Es gibt noch eine dritte, unserer Meinung nach richtige Erklärung. Danach kann es geschehen, dass im großen Rahmen des Systems des Weltkapitalismus, der im Kampf mit dem Sozialismus steht, eines seiner schwächsten Glieder, in diesem konkreten Fall Cuba, zerbrechen kann. Durch Ausnutzung außergewöhnlicher historischer Umstände und unter der sicheren Führung der Avantgarde ergriffen die revolutionären Kräfte in einem gegebenen Augenblick die Macht, übersprangen, gestützt auf die Tatsache, dass bereits die ausreichenden objektiven Bedingungen für die Vergesellschaftung der Arbeit gegeben waren, einige Etappen, erklärten den sozialistischen Charakter der Revolution und leiteten den Aufbau des Sozialismus ein. Dies ist die <148> dynamische und dialektische Form, in der wir das Problem der notwendigen Beziehung zwischen den Produktionsverhältnissen und der Entwicklung der Produktivkräfte sehen und analysieren. Nachdem die Tatsache der cubanischen Revolution geschaffen war, der man bei der Analyse nicht entgehen kann, und die man in der Untersuchung unserer Geschichte nicht übergehen kann, kamen wir zu dem Schluss, dass in Cuba eine sozialistische Revolution gemacht wurde, und dass daher die Voraussetzungen dafür gegeben waren. Denn eine Revolution durchzuführen, ohne dass die entsprechenden Bedingungen bestünden, dann an die Macht zu kommen und mit Hilfe von Zauberkünsten den Sozialismus auszurufen, das ist etwas, das in keiner Theorie vorgesehen ist, und ich glaube auch nicht, dass Genosse Bettelheim dies vertreten würde.

Wenn also die konkrete Tatsache der Geburt des Sozialismus unter diesen neuen Bedingungen stattfindet, dann deshalb, weil die Entwicklung der Produktivkräfte mit den Produktionsverhältnissen eher zusammengeprallt ist, als dies nach rationalen Überlegungen für ein isoliertes kapitalistisches Land zu erwarten war. Was geschieht? Die Avantgarde der revolutionären Bewegungen, immer mehr von der marxistisch-leninistischen Ideologie beeinflusst, war fähig, klar eine ganze Reihe von erforderlichen Schritten vorauszusehen und den Lauf der Ereignisse zu forcieren, dies jedoch im Rahmen des objektiv Möglichen. Diesen Punkt betonen wir besonders, denn hier liegt einer der fundamentalen Fehler in Bettelheims Argumentation.

Wenn wir von der konkreten Tatsache ausgehen, dass eine Revolution nur möglich ist, wenn fundamentale Widersprüche zwischen der Entwicklung der Produktivkräfte und der Produktionsverhältnisse bestehen, müssen wir zugeben, dass in Cuba diese Tatsache sich hergestellt hatte, und wir müssen auch zugeben, dass diese Tatsache der cubanischen Revolution sozialistischen Charakter verleiht, auch wenn eine objektive Analyse zeigt, dass es noch eine Reihe innerer Kräfte gibt, die sich in embryonalem Zustand befinden und noch nicht voll entfaltet haben. Wenn jedoch unter diesen Bedingungen die Revolution entsteht und siegt, wie kann man sich dann des Arguments von der notwendigen und unbedingten, hier aber mechanisch und starr verstandenen Übereinstimmung zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen bedienen, um z. B. die sogenannte wirtschaftliche Rechnungsführung zu verteidigen und das bei uns praktizierte System der Empresas Consolidadas* anzugreifen? Die Unternehmensform der Empresas <149> Consolidadas als eine Verirrung zu bezeichnen, heißt ungefähr soviel, wie die cubanische Revolution als eine Verirrung zu bezeichnen. Es handelt sich um gleichartige Begriffe und sie könnten sich auf die gleiche Analyse stützen. Genosse Bettelheim hat nie gesagt, die Cubanische Sozialistische Revolution sei nicht authentisch. Jedoch sagt er, dass unsere gegenwärtigen Produktionsverhältnisse nicht der Entwicklung der Produktivkräfte entsprechen, und prophezeit deshalb schwere Fehlschläge.

*( Empresa Consolidada in Bettelheim, et.al., Die Planungsdebatte in Cuba, Ffm 1969, S.44, Anm.: es wird darauf verzichtet, diesen für das Budget- Finanzierungssystem zentralen Begriff zu übersetzen, um verfehlte Assoziationen zu vermeiden... Der Begriff empresa wird in der vorliegenden Auswahl einheitlich mit Unternehmen übersetzt.)

Genosse Bettelheims Irrtum beruht auf seiner Trennung des dialektischen Denkens in diesen zwei Kategorien, die zwar dieselbe Tendenz haben, aber verschiedenen Größenordnungen angehören. Die Empresas Consolidadas sind entstanden, haben sich entwickelt, und entwickeln sich weiterhin, weil es ihnen möglich ist; das ist eine Binsenweisheit der Praxis. Ob die Verwaltungsmethode dabei die geeignetste ist oder nicht, hat letztlich geringe Bedeutung, denn die Unterschiede zwischen einer Methode und der anderen sind im wesentlichen quantitativ. Die in unser System gesetzten Hoffnungen richten sich auf die Zukunft, auf eine beschleunigte Entwicklung des Bewusstseins und, durch das Bewusstsein, auf eine beschleunigte Entwicklung der Produktivkräfte.

Genosse Bettelheim bestreitet diese besondere Wirkung des Bewusstseins, gestützt auf Marx' Argument, dass das Bewusstsein ein Produkt der gesellschaftlichen Umgebung sei, nicht umgekehrt; und wir ziehen die marxistische Analyse heran, um mit ihr gegen Bettelheim zu kämpfen, indem wir ihm entgegenhalten, dass dieses Argument völlig richtig ist, dass allerdings in der gegenwärtigen Epoche des Imperialismus auch das Bewusstsein weltweite Merkmale annimmt. Und dass dieses Bewusstsein heute das Produkt der Entwicklung aller Produktivkräfte in der Welt und das Produkt der Lehre und Erziehung durch die Sowjetunion und die anderen sozialistischen Länder auf die Massen der ganzen Welt ist. Demzufolge muss in Betracht gezogen werden, dass das Bewusstsein der Menschen der Avantgarde eines bestimmten Landes - gestützt auf die allgemeine Entwicklung der Produktivkräfte - die geeigneten Wege ausfindig machen muss, obwohl im jeweiligen Land die objektiven Widersprüche zwischen der Entwicklung der Produktivkräfte und den Produktionsverhältnissen nicht bestehen mögen, die eine Revolution unvermeidlich oder möglich machen würden (wenn man das Land in der Analyse als geschlossene und isolierte Einheit betrachtet).

Soviel zu diesem Argument. Der zweite schwere Fehler Bettelheims liegt darin, dass er darauf beharrt, der juristi-<150>schen Struktur die Möglichkeit der eigenständigen Existenz zu geben. In seiner Analyse besteht er auf der Notwendigkeit, bei der juristischen Festsetzung des Eigentums die Produktionsverhältnisse zu berücksichtigen. Die Vorstellung, dass das juristische Eigentum, oder, besser gesagt, der Überbau eines gegebenen Staates zu einem gegebenen Zeitpunkt, gegen die Realitäten der Produktionsverhältnisse durchgesetzt worden sei, heißt jedoch, eben den Determinismus zu negieren, von dem er ausging, um zu erklären, das Bewusstsein sei ein gesellschaftliches Produkt.

Natürlich gibt es in all diesen Prozessen, die historische und nicht physikalisch-chemische Prozesse sind, die sich nicht in Tausendsteln von Sekunden vollziehen, sondern sich über den langen Zeitraum der Geschichte der Menschheit hinziehen, eine ganze Reihe von Aspekten in den juristischen Beziehungen, die nicht den zu diesem Zeitpunkt in einem gegebenen Lande vorherrschenden Produktionsverhältnissen entsprechen. Das heißt nichts anderes, als dass sie mit der Zeit beseitigt werden, wenn die neuen Produktionsverhältnisse sich gegenüber den alten durchsetzen, aber nicht umgekehrt, dass es möglich sei, den Überbau zu ändern, ohne zuvor die Produktionsverhältnisse zu ändern.

Genosse Bettelheim besteht wiederholt darauf, dass die Art der Produktionsverhältnisse vom Entwicklungsstand der Produktivkräfte bestimmt werde, und das das Eigentum an den Produktionsmitteln der juristische und abstrakte Ausdruck bestimmter Produktionsverhältnisse sei, wobei er die grundlegende Tatsache übersieht, dass dieser Entwicklungsstand vollkommen einer allgemeinen Situation entspricht (sei dies nun im Weltmaßstab oder im jeweiligen Lande); man kann aber nicht, wie er es versucht, eine mikroskopische Mechanik zwischen dem Entwicklungsniveau der Produktivkräfte in jeder Region oder in jeder Situation und den jeweiligen juristischen Eigentumsbeziehungen herstellen.

Er greift die Ökonomen an, die im Volkseigentum an den Produktionsmitteln einen Ausdruck des Sozialismus sehen und stellt fest, dass solche juristischen Verhältnisse für nichts eine Grundlage bieten. In gewisser Hinsicht könnte er recht haben, nämlich im Hinblick auf das Wort Grundlage, aber das Wesentliche ist doch, dass zu einem gegebenen Zeitpunkt die Produktionsverhältnisse mit der Entwicklung der Produktivkräfte zusammenstossen, und dass dieser Zusammenstoss nicht mechanisch durch eine Anhäufung ökonomischer Kräfte bedingt ist, sondern ein quanti-<151>tatives und qualitatives Ergebnis ist; die Aufhäufung zusammengeströmter Kräfte - vom Standpunkt der wirtschaftlichen Entwicklung; die Überflutung einer gesellschaftlichen Klasse durch die andere - vom politischen und historischen Standpunkt. Das heisst, dass eine wirtschaftliche Analyse nie von der historischen Tatsache des Klassenkampfes gelöst werden kann (bis die vollkommene Gesellschaft erreicht ist). Aus diesem Grunde hat für den Menschen, den lebendigen Ausdruck des Klassenkampfes, die rechtliche Grundlage, die den Überbau der Gesellschaft, in der er lebt, darstellt, konkrete Kennzeichen und drückt eine greifbare Realität aus. Die Produktionsverhältnisse, die Entwicklung der Produktivkräfte, sind ökonomisch-technologische Phänomene, die im Lauf der Geschichte angehäuft werden. Das gesellschaftliche Eigentum ist ein greifbarer Ausdruck dieser Verhältnisse, so wie die konkrete Ware Ausdruck der Beziehungen zwischen Menschen ist. Die Ware existiert, weil es eine Warengesellschaft gibt, in der sich eine auf der Grundlage des Privateigentums beruhende Arbeitsteilung entwickelt hat. Der Sozialismus existiert, weil es eine Gesellschaft neuen Typs gibt, in der die Expropriateure expropriiert worden sind und das gesellschaftliche Eigentum an die Stelle des früheren Privateigentums der Kapitalisten getreten ist.

Dies ist der allgemeine Verlauf, den die Übergangsphase nehmen muss. Die im einzelnen dargestellten Beziehungen zwischen dieser und jener Gesellschaftsschicht sind nur für bestimmte konkrete Analysen von Interesse; aber die theoretische Analyse muss den großen Rahmen erfassen, der die neuen Beziehungen zwischen den Menschen umgibt, die Gesellschaft im Übergang zum Sozialismus. Ausgehend von diesen zwei fundamentalen Irrtümern in seiner Auffassung verteidigt Genosse Bettelheim die unbedingte, exakte Identität zwischen der Entwicklung der Produktivkräfte zu jedem gegebenen Zeitpunkt und in jeder gegebenen Region und den Produktionsverhältnissen und überträgt gleichzeitig diese Beziehungen auf die Tatsache des juristischen Ausdrucks.

Was ist das Ziel? Sehen wir, was Bettelheim dazu sagt: "Unter diesen Umständen stößt die Argumentation, die ausschließlich von dem allgemeinen Begriff des "Staatseigentums" ausgeht, um die verschiedenen höheren Formen des sozialistischen Eigentums zu bezeichnen, und die vorgibt, diese auf eine einzige Realität zu reduzieren, auf unüberwindliche Schwierigkeiten, besonders wenn es sich darum handelt, die Warenzirkulation innerhalb des soziali-<152> stischen Sektors des Staates, den sozialistischen Handel, die Rolle des Geldes usw. zu analysieren."(Vgl. Bettelheim, et.al., Die Planungsdebatte in Cuba, Ffm 1969, S.99) Und danach, als er den Unterschied untersucht, den Stalin zwischen zwei Formen des Eigentums macht, erklärt er: "Dieser juristische Ausgangspunkt und die davon abgeleiteten Analysen führen dazu, den gegenwärtig noch notwendigerweise warenmäßigen Charakter des Austausches zwischen sozialistischen Staatsunternehmen zu bestreiten und auf theoretischer Ebene die Natur der zwischen Staatsunternehmen getätigten Käufe und Verkäufe, die Natur des Geldes, der Preise, der wirtschaftlichen Rechnungsführung, der finanziellen Autonomie usw. unverständlich zu machen. Diese Kategorien sind so also ohne jeden realen gesellschaftlichen Inhalt. Sie erscheinen als abstrakte Formen oder als mehr oder weniger willkürliche technische Verfahrensweisen und nicht als Ausdruck jener objektiven ökonomischen Gesetze, deren Notwendigkeit Stalin andrerseits selbst betont hat."(Vgl.: Bettelheim, et.al., Die Planungsdebatte in Cuba, Ffm 1969, S.100)

Für uns ist der Artikel des Genossen Bettelheim, obgleich er offen Partei gegen die von uns verschiedentlich dargelegten Ideen ergreift, insofern von unzweifelhafter Bedeutung, als er aus der Feder eines Ökonomen von profundem Fachwissen und marxistischen Theoretikers stammt. Er geht von einer realen Situation aus, um die unserer Auffassung nach nicht gut durchdachte Überlegung zu verteidigen, dass man in der Übergangsphase dem Kapitalismus eigentümliche Kategorien des Kapitalismus benutzen und innerhalb des sozialistischen Sektors Raum für individuelles Eigentum lassen müsse. Dabei legt er dar, dass die detaillierte Analyse der Produktionsverhältnisse und des gesellschaftlichen Eigentums nach marxistischer Auffassung - die wir orthodox nennen könnten - unvereinbar mit der Beibehaltung dieser Kategorien ist, und er deutet an, dass hier etwas unverständlich bleibt.

Wir behaupten genau dasselbe, nur ziehen wir einen anderen Schluss daraus: wir glauben, dass die Inkonsequenz der Verteidiger der wirtschaftlichen Rechnungsführung darauf beruht, dass sie bei der Anwendung der Methode der marxistischen Analyse an einem bestimmten Punkt einen Sprung tun müssen (wobei sie das "verlorene Glied" in der Mitte auslassen), um auf eine neue Position zu verfallen, von der aus sie ihre Gedankenlinie fortsetzen können. Konkret haben die Verteidiger der wirtschaftlichen Rechnungsführung nie genau erklärt, wie sich der Begriff der Ware im Staatssektor in seinem Wesen behauptet, oder wie man im sozialistischen Sektor bei verzerrten Märkten das Wertgesetz "vernünftig" anwendet.

Nach Feststellung dieser Inkonsequenz nimmt Genosse Bettelheim die Fäden wieder auf und beginnt mit der Analyse dort, wo sie enden sollte - bei den gegenwärtigen Rechtsverhältnissen in den sozialistischen Ländern und den dort fortbestehenden Kategorien - stellt die reale und sichere Tatsache fest, dass diese juristischen Kategorien und diese Warenkategorien bestehen, und schließt pragmatisch daraus, dass sie, weil sie existieren, auch notwendig sind; sodann, von dieser Grundlage ausgehend, geht er analytisch rückwärts, bis er an den Punkt gelangt, wo Theorie und Praxis aufeinanderprallen. An diesem Punkt bringt er eine neue Interpretation der Theorie, unterwirft Marx und Lenin der Analyse und kommt, auf der Grundlage jener irrigen Annahmen, die wir aufgezeigt haben, zu einer eigenen Interpretation, die es ihm gestattet, in seinem Artikel vom Anfang bis zum Ende einen konsequenten Prozess darzustellen.

Hier vergisst er jedoch, dass die Übergangsphase historisch jung ist. In dem Moment, da der Mensch die wirtschaftlichen Zusammenhänge voll erfasst und sie mit Hilfe des Plans im Griff hat, ist er unvermeidlich Fehleinschätzungen ausgesetzt. Warum annehmen, dass das, was in der Übergangsphase "ist", notwendigerweise "sein muss"? Warum die Schläge, die die Realität gewissen kühnen Unternehmen versetzt, mit der Rechtfertigung begründen, sie seien ausschließlich auf den Wagemut und nicht auch, zum Teil oder gänzlich, auf technisches Versagen der Verwaltung zurückzuführen?

Uns scheint, dass man der sozialistischen Planung mit allen den technischen Unzulänglichkeiten, die sie haben mag, eine zu geringe Bedeutung beimisst, wenn man wie Bettelheim behauptet:

"Daraus ergibt sich die Unmöglichkeit, auf eine zufriedenstellende, d. h. wirksame Weise zu einer a priori umfassenden Aufteilung der Produktionsmittel und der Produkte im allgemeinen überzugehen, und die Notwendigkeit des sozialistischen Handels und staatlicher Handelsorganisationen. Daher auch die Rolle des Geldes sogar innerhalb des sozialistischen Sektors, die Rolle des Wertgesetzes und eines Preissystems, das nicht nur die gesellschaftlichen Kosten der verschiedenen Produkte widerspiegeln kann, sondern das auch die Beziehungen zwischen Angebot und Nachfrage dieser Produkte ausdrücken, und das nötigenfalls das Gleichgewicht zwischen diesem Angebot und dieser Nachfrage sichern soll, sofern der Plan nicht imstande 154 gewesen ist, dies a priori zu sichern, und wenn die Anwendung von administrativen Maßnahmen zur Erreichung dieses Gleichgewichts die Entwicklung der Produktivkräfte beeinträchtigen würde."(Vgl.: Bettelheim, et.al., Die Planungsdebatte in Cuba, Ffm 1969, S.103f)

Unsere Schwächen (in Cuba) in Betracht ziehend, haben wir jedoch unseren Versuch einer grundsätzlichen Definition vorgelegt:

"Wir bestreiten die Möglichkeit der bewussten Anwendung des Wertgesetzes, gestützt auf die Nichtexistenz eines freien Marktes, der automatisch den Widerspruch zwischen Produzenten und Konsumenten ausdrückt; wir bestreiten die Existenz der Kategorie der Ware in der Beziehung zwischen staatlichen Unternehmen, und wir betrachten alle Betriebe als Teil des einzigen großen Unternehmens, welches der Staat ist (obwohl dies in der Praxis in unserem Land noch nicht der Fall ist). Das Wertgesetz und der Plan sind zwei Begriffe, die durch einen Widerspruch und seine Lösung verbunden sind; wir können also sagen, dass die zentralisierte Planung das Wesen der sozialistischen Gesellschaft, die sie definierende Kategorie und der Punkt ist, an dem das Bewusstsein des Menschen es endlich erreicht, die Wirtschaft in die Hand zu nehmen und auf ihr Ziel, die völlige Befreiung des Menschen im Rahmen der kommunistischen Gesellschaft, zu lenken."(Vgl.: Bettelheim, et.al., Die Planungsdebatte in Cuba, Ffm 1969, S.68, Ernesto Che Guevara, Über das Budget-Finanzierungssystem(1963))

Die Produktionseinheit (das ökonomische Subjekt für Bettelheim) vom physischen Stand der Integration abhängig machen, hieße den Mechanismus zum äußersten Extrem treiben und uns die Möglichkeit bestreiten, das zu tun, was die nordamerikanischen Monopole technisch schon in vielen Zweigen der cubanischen Industrie getan hatten. Es hieße, unseren Kräften und Fähigkeiten zu sehr misstrauen.

Was also als Produktionseinheit (die ein wirkliches ökonomisches Subjekt ist) bezeichnet werden kann, ändert sich offenbar je nach dem Entwicklungsniveau der Produktivkräfte. In bestimmten Produktionszweigen, in denen die Integration der Betriebstätigkeiten schon ausreichend vorangetrieben ist, kann dieser Zweig insgesamt eine Produktionseinheit bilden. Als Beispiel kann die Elektroindustrie gelten, die auf der Grundlage gegenseitiger Verflechtung die einheitlich zentralisierte Leitung des gesamten Zweiges ermöglicht.

Die pragmatische Entwicklung unseres Systems führte uns an gewisse, schon untersuchte Probleme heran, und wir bemühen uns, sie in möglichst konsequenter Weise - in <155> dem Maße, wie es unsere Vorkenntnisse erlaubten - nach Marx' und Lenins großen Ideen zu lösen. Dies führte uns dazu, die Lösung des Widerspruchs zu suchen, der sich in der marxistischen politischen Ökonomie der Übergangsphase findet. In dem Bemühen um die Überwindung dieser Widersprüche, die nur vorübergehende Hemmnisse für die Entwicklung des Sozialismus sein können, da die sozialistische Gesellschaft in der Tat existiert, untersuchen wir die für Praxis und Theorie geeignetsten Operationsmethoden, die uns ermöglichen sollten, durch die Entwicklung des Bewusstseins und der Produktion die neue Gesellschaft maximal voranzutreiben; dies ist das Kapitel, mit dem wir heute beschäftigt sind.

Abschliessend stellen wir fest:
1. Wir sind der Auffassung, dass Bettelheim in der Methode seiner Analyse zwei grobe Fehler begeht:

   a) Indem er mechanisch den nach ihm allgemeingültigen Begriff einer notwendigen Beziehung zwischen den Produktionsverhältnissen und der Entwicklung der Produktivkräfte auf den "Mikrokosmos" der Produktionsverhältnisse in den konkreten Aspekten eines bestimmten Landes während der Übergangsperiode überträgt und so apologetische, vom Pragmatismus bestimmte Schlussfolgerungen über die sogenannte wirtschaftliche Rechnungsführung zieht.

   b) Indem er dieselbe mechanische Analyse beim Begriff des Eigentums durchführt.

2. Aus diesen Gründen stimmen wir nicht mit seiner Auffassung überein, dass die finanzielle Selbstverwaltung oder die Autonomie im Rechnungswesen "verbunden sind mit einem bestimmten Entwicklungsstand der Produktivkräfte", wie es sich aufgrund seiner Methode der Analyse ergibt.

3. Wir bestreiten seine Auffassung von der zentralisierten Leitung auf der Grundlage der physischen Zentralisierung der Produktion (als Beispiel nennt er ein Stromverbundnetz) und wenden sie auf eine Zentralisierung der wesentlichen ökonomischen Entscheidungen an.

4. Wir halten seine Begründung für die unbedingte, uneingeschränkte Gültigkeit des Wertgesetzes und anderer Warenkategorien für die Übergangsphase nicht für stichhaltig, obgleich wir nicht die Möglichkeit bestreiten, gewisse Elemente dieses Gesetzes zu Vergleichszwecken zu verwenden (Kosten, Rentabilität in Rechengeld ausgedrückt).

5. Für uns "ist die zentrale Planung das Wesen der sozialistischen Gesellschaft" usw. und daher erkennen wir ihr weit mehr bewusste Entscheidungsmacht zu als Bettelheim.

6. Wir sind der Auffassung, dass es von großer theoretischer Bedeutung ist, die fehlende Übereinstimmung zwischen der klassischen Methode der marxistischen Analyse und dem Fortbestehen der Warenkategorien im sozialistischen Sektor zu untersuchen, ein Aspekt, der noch gründlicher untersucht werden sollte.

7. Den Verteidigern der wirtschaftlichen Rechnungsführung könnte man im Zusammenhang mit diesem Artikel zurufen: "Vor unseren Freunden schütze uns Gott, vor unseren Feinden schütze ich mich selbst."

 

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"Warum muß man es beim rechten Namen nennen?"


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Hinweis:
Erich Köhler
zitiert in "Sentenzen
kontra Schwarzbuch"
sowie in
"Sture und
das deutsche Herz":

 
W.I.Lenin:
"Von der Zerstörung einer jahrhundertealten Ordnung zur Schaffung einer neuen"


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